VTI-Fahrt nach Velbert

Werksbesichtigung Fa. CES-Gruppe, Schulte GmbH, Zylinderschlossfabrik

Deutsches Schloss- und Beschlägemuseum

 

Am Donnerstag, den 27. Oktober, starteten wir vom Parkplatz an der Klingenhalle zu unserer letzten Exkursion im Jahre 2016. Unser Ziel lag beinahe in der Nachbarschaft von Solingen, es ging nach Velbert, wo wir uns die C.Ed. Schulte GmbH Zylinderschlossfabrik bei einer Werksführung ansehen wollten. An Bord des Neoplan-Tourliners von Wiedenhoff-Reisen, gesteuert von Herrn Wolfgang Wagner, befanden sich 28 VTI-Mitglieder – CES hatte uns aus führungstechnischen Gründen auf maximal 30 Personen begrenzt. Trotz eines kleinen Umwegs hatten wir schnell und beinahe pünktlich das Hauptwerk an der Friedrichstraße fast im Zentrum von Velbert erreicht.

Nachdem die anwesenden Besucher mit der Besucherliste abgeglichen waren, nahm man uns in Empfang und führte uns in den nebenan gelegenen Konferenzraum. Als wir Platz genommen hatten, begrüßte uns Herr Schwerdtfeger, der Leiter der Abteilung Industrial Engineerings bei CES, und stellte uns das Unternehmen vor. Schon vor dem Jahre 1840, als sich der Firmengründer Heinrich Schulte selbstständig machte, waren seine Vorfahren als Schlossmacher in Velbert aktiv. 1857 übernahm sein Sohn Carl-Eduard Schulte die Werkstatt und wurde zum Namensgeber des Unternehmens. Er startete 1887 die Fabrik und beschäftigte damals schon 30 Mitarbeiter. Heute führt bereits die 7. Generation das Familienunternehmen.

CES begann schon im Jahre 1909 als erstes Unternehmen in unserem Lande mit der Schließzylinderherstellung. Nach der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts stieg CES zum Marktführer in Deutschland auf. 1934 wurde für den Neubau der Kölner Universität die umfangreichste Schließanlage der Welt gefertigt, bei der man mit einem Schlüssel 867 Schlösser öffnen konnte, was die Kölnische Zeitung vom „Zauberschloss der Universität“ berichten ließ.

Derzeit sind im Unternehmen weltweit 430 Mitarbeiter beschäftigt, davon allein schon 370 am Hauptstandort in Velbert. 2014 erzielten sie gemeinsam einen Umsatz von 42 Mio. €. Es werden Schließzylinder für die Industrie und den Möbelbau gefertigt sowie mechanische/mechatronische Schließanlagen und elektronische Zutrittskontrollsysteme. Die bekanntesten mit CES-Zylindern ausgestatteten Objekte sind das Reichstagsgebäude und das Bundeskanzleramt in Berlin, die Arena auf Schalke, das ZDF-Sendezentrum in Mainz, die Elbphilharmonie in Hamburg, die Frauenkirche in Dresden, die Deutsche Bank in Frankfurt, die Microsoft Zentrale Deutschland in München sowie mehrere AIDA-Kreuzfahrschiffe. International sei die Universität in Oxford, der Burj Khalifa in Dubai, das höchste Gebäude der Welt, erwähnt und auch die Megayacht „Eclipse“ vom Herrn Abramowitsch.

Aufgeteilt in drei überschaubare Gruppen ging es dann auf den Weg durch die Fertigung und die Konstruktion, geführt von Herr Schwerdtfeger, Herr Deppe und Herr Teubler. Ausgehend vom Standardprofil des Zylindergehäuses zeigte man uns die Fertigung des Zylindergehäuses und des Zylinderkerns auf modernen Bearbeitungsmaschinen. Auch Sonderfertigungen mit Aufbohr- und Ziehschutz bekamen wir gezeigt. Die Herstellung der Schlüssel mit dem aufwendigen Schlüsselprofil erfolgt nach vom Computer ermittelten Werten, die sich exakt auf die spezielle Schließanlage beziehen. Je nach Komplexität der Anlage kommen Schlüssel für fünf bis zu sieben Verriegelungsstiften infrage. Danach folgt die Montage, die auf selbstentwickelten Maschinen erfolgt, auf denen die bis zu 120 präzise gefertigten Einzelteile (Kernstifte, Gehäusestifte, Stiftfedern und Zylinderkern) nach Computervorgabe in das Zylindergehäuse geladen werden. Die Endmontage erfolgt dann manuell. Auf dem weiteren Weg durch die Fertigung bestaunten wir in der Galvanik die vielfältigen Möglichkeiten der Oberflächengestaltung, die sogar eine Echtvergoldung ermöglicht. Auch den Bereich von CEStronics besuchten wir, in dem Hightech-Schließlösungen mit Funktechnologie produziert werden. Zum Schluß führte unser Weg ins Konstruktionsbüro, wo uns anhand eines modernen CAD-Systems die konstruktiven Möglichkeiten anschaulich demonstriert wurden.

Bei all der Komplexität versucht man, den Kunden mit einem Schnell-Lieferprogramm zu dienen. Eine individuell gefertigte Schließanlage mit bis zu 100 Zylindern kann schon innerhalb von 48 Stunden nach der Auftragserteilung beim Kunden sein. Natürlich dauert eine riesige Anlage wie im Berliner Regierungsviertel mit 30.000 verbauten Zylindern und 40.000 Schlüsseln etwas länger.

Am Ende der Führung trafen wir uns wieder im Konferenzraum, wo sich die Gelegenheit bot, die noch offen gebliebenen Fragen zu stellen. Abschließend bedankten wir uns bei unseren drei Werksführern, die alle unsere Fragen verständlich und vor allem geduldig beantworteten, und nicht zuletzt auch beim Unternehmen CES für die hervorragende Führung durch die Produktion, bei der wir interessante Einblicke in die Vielfalt der im Hause hergestellten Schließanlagen und in die dafür erforderlichen Fertigungsprozesse gewinnen durften und verabschiedeten uns von einem wirklich beeindruckendem Unternehmen.

Auf der Straße wartete bereits Herr Wagner mit dem Bus, um uns die paar Kilometer zum sehr versteckt gelegenen gemütlichen Restaurant „Kleine Schweiz“ zu bringen, wo wir zum Mittagessen angemeldet waren. Im schönen für uns reservierten Nebenraum waren wir ganz unter uns und so durfte die Unterhaltung über das gerade Gesehene und Erlebte etwas lebhafter sein. Bei erfrischenden Getränken und sehr Schmackhaftem aus der Küche waren wir bald wieder fit und es konnte zu unserem nächsten Programmpunkt weitergehen.

Herr Wagner brachte uns wieder zurück in Velberts Stadtmitte zum Forum Niederberg, in dem das Deutsche Schloss- und Beschlägemuseum beheimatet ist. Nachdem wir endlich den Eingang zu diesem Museum gefunden hatten, begrüßte uns Herr Dr. Ulrich Morgenroth, der das kleine Museum leitet. Zuerst erklärte er uns, warum ausgerechnet Velbert das Zentrum der Sicherheitstechnik in unserem Lande wurde. Mit wenigen Worten hat er uns dann in den Bann der alten Technik gezogen, die 4000 Jahre zurückreicht in das alte Ägypten, aus dem ein hölzernes Stoßriegelschloss gezeigt wird, das gar nicht so einfach zu öffnen ist, wie einige erfolglose Versuche unserer Herren zeigten. Die weitere Entwicklung brachten Fallriegelschlösser, zwar immer noch aus Holz, aber nur mit einem speziellen Schlüssel aus gleichem Material und deshalb sehr sperrig, zu öffnen. Einen ersten Höhepunkt erreichte die Sicherheitstechnik im Römischen Reich, wo es anscheinend in der damaligen Mega-City Rom schon genügend Spitzbuben gab, vor denen man sich und seine Habe schützen musste. Als Werkstoff verwendete man schon Eisen, was die Sperrsysteme und die zugehörigen Schlüssel deutlich verkleinerte. Mit soliden eisernen Beschlägen und Schlössern mit vertrackten Schließsystemen versehene schwere Truhen für die stationäre Nutzung sowie Geldkassetten und Geldbomben für den reisenden Kaufmann sind Zeugen späterer Jahrhunderte. Einen neuen Boom bei der Technik der Schlossherstellung gab es erst mit der Renaissance, aber die Schlösser wurden nach wie vor in kleinen Werkstätten und in Heimarbeit hergestellt. Die kleine exakt nachgebildete historische Schmiede aus dem 19. Jahrhundert erinnert den Besucher daran, wie es in den Kleinbetrieben vor der Industrialisierung aussah.

Einen weiteren Innovationsschub erlebte die Schlosstechnik im 19. Jahrhundert infolge der Industrialisierung, mit der die ersten großen Schlösser produzierenden Fabriken entstanden. Infolgedessen wurde aus der nur für den Vermögenden erschwinglichen Sicherheitstechnik ein Produkt, das sich beinahe jeder leisten konnte. Ein Katalog für unterschiedlichste Vorhängeschlösser ist in einer Vitrine zu bestaunen – interessant daran ist, dass viele davon aus England importiert wurden, weil dort der industrielle Fortschritt bereits früher als in unserem Lande angefangen hat.

Von 1860-65 entwickelte Linus Yale Junior in Massachusetts/USA das erste Sicherheits-Zylinderschloss mittels spezieller Stiftzuhaltungen, das nach dem alten Prinzip des bereits bei den Ägyptern bekannten Fallriegelschlosses funktioniert. Auf dieser Erfindung basieren die nachfolgenden Varianten des Zylinderschlosses, was einen tiefen und nachhaltigen Einfluss auf die Schlossindustrie hatte. Die Funktion dieser modernen Schlösser führte uns Herr Dr. Morgenroth an einem Demo-Modell vor und erklärte sie uns in verständlichen Worten.

Weiterhin beachtenswert sind natürlich auch einige Tresore und Safes, deren ausgefeilte Schließsysteme staunen lassen. Aber auch moderne Sicherheitstechnik wird gezeigt in dem kleinen Museum, das immer einen Besuch wert ist.

Damit war die sehr interessante Führung beendet. Wir bedankten uns bei Herrn Dr. Morgenroth und verabschiedeten uns von ihm. Anschließend blieb etwas Zeit, sich das eine oder andere Ausstellungsstück noch einmal genauer anzusehen und zu versuchen, ob manchem Schließmechanismus nicht doch beizukommen war.

Am Ende brachte uns Herr Wagner wieder wohlbehalten zurück in unsere Heimatstadt, wofür wir ihm noch einmal danken wollen. Damit war die informative Exkursion zu einer im wahren Sinne des Wortes echten Schlüsselindustrie beendet.

Organisation: Jürgen Stamm, Gerhard Moch

 

 

Gerhard Moch (Schriftführer)