VTI-Fahrt nach Bocholt

LWL-Industriemuseum „TextilWerk“

 

Voll ist er leider mit 31 VTI-lern nicht geworden, der Bus, mit dem wir am Donnerstag, den 17. März, zu unserer ersten Tour im Jahr 2016 gestartet sind. Am Morgen eines wunderschönen Vorfrühlingstages holte uns Herr Makossa von Wiedenhoff-Reisen mit dem Neoplan-5-Sterne-Bus vom Platz vor der Klingenhalle zur Fahrt nach Bocholt ab, denn das dortige LWL-Industriemuseum „TextilWerk“ war unser Ziel. Nach einer unerwartet störungsfreien Fahrt über die sonst staugeplagte A3 waren wir mehr als rechtzeitig an Ort und Stelle. So konnten wir uns vor dem Museum noch etwas die Beine vertreten und uns schon etwas auf dem Gelände umsehen.

Und dann begrüßte uns auch schon die Museumsführerin und erklärte uns die Objekte auf dem Freigelände. Zu bestaunen war eine Dampfspeicher-Lokomotive, eine feuerlose Lok, deren Dampf ein externer Kessel erzeugt und die dann vor Arbeitsbeginn mit diesem sozusagen betankt wird und damit genügend Energie für einen Arbeitstag in feuergefährlicher Umgebung (wie z. B. in einer Spinnerei oder Weberei) mit sich führt. Die Weberei war früher zur Anlieferung der Rohmaterialien und der Kohle sowie zum Versand der gefertigten Produkte natürlich auch an das öffentliche Schienennetz angeschlossen.

Daneben ist ein alter Zweiflammrohrkessel zu sehen, wie er auch im Kesselhaus zur Dampferzeugung für die Weberei eingesetzt wurde, eine genietete Konstruktion, 10 Meter lang, 2,5 Meter im Durchmesser und leer schon 28 Tonnen schwer, der Ende des 19. Jahrhunderts noch mit Pferdegespannen vom Hersteller Gutehoffnungshütte in Oberhausen-Sterkrade zu seinem Einsatzort bei der Weberei Gebr. Büning in der nicht weit entfernten Stadt Borken transportiert wurde.

Am Pförtnerhäuschen vorbei führte uns unser Guide als nächstes zu einem gleich neben der Firma gelegenen Arbeiterhaus, das noch komplett nach den damaligen Verhältnissen eingerichtet ist und mit der Küche, der „Guten Stube“, den oben liegenden Schlafräumen, dem Plumpsklo, dem Verschlag für das Hausschwein und dem dahinter liegenden Gemüsegarten einen Einblick in den kargen Alltag einer der bessergestellten Textilarbeiterfamilien (Vater vielleicht Webmeister) bietet.

Die Hauptgebäude des Textilmuseums wurden als eine Museumsfabrik nach historischen Vorbildern im Jahre 1989 eröffnet. Dazu gehören unter anderem das Kesselhaus mit Schornstein, das Maschinenhaus, eine Fabrikhalle mit Sheddächern, eine Werkstatt, Lager, Büros, das Tor- und Pförtnerhaus etc.

Im Vorraum des Museums, in dem unter anderem auch des Shop untergebracht ist, erklärte uns unsere Museumsführerin an einem Handwebstuhl das Prinzip des Webens, bevor es nach nebenan zum Dampfkessel aus dem Jahr 1886 ging. Hier war ehemals das Reich des Heizers, der den Dampfkessel bediente, von dem nur der vordere Kesselboden mit den beiden Feuerlöchern zu sehen ist, in die der Heizer jeden Tag mehrere Tonnen Kohle schaufeln musste und auch die Aschereste zu entfernen hatte. Eine Tür weiter standen wir dann staunend in der Maschinenhalle, deren Boden mit schönen Fliesen von Villeroy & Boch gekachelt ist und deren oberen Abschluss eine sehenswerte Dachkonstruktion bildet.

Ein Prunkstück ist die Compound-Dampfmaschine mit je einem liegenden Hoch- und Niederdruckzylinder, die aussieht als wäre sie gerade in Betrieb gegangen. Dabei stammt sie aus dem Jahre 1917 und wurde in der Maschinenfabrik, Kesselschmiede und Eisengießerei K. und Th. Möller in Brackwede bei Bielefeld hergestellt. Zu Vorführzwecken setzt sie allerdings ein Elektromotor in Bewegung, der auch die großen Schwungräder dreht, von denen aus sieben dicke Hanfseile die Leistung auf die in der nebenan liegenden Produktionshalle laufenden Transmissionen übertragen. Zur Deckung des Bedarfs an elektrischer Energie für das Unternehmen diente eine weitere, aber kleinere Dampfmaschine mit zwei stehenden Zylindern, die den nebenstehenden Generator von Siemens-Schuckert antreibt. Diese Dampfmaschine stammt aus dem Jahre 1932 und wurde von der Maschinenfabrik Meer AG in Mönchengladbach gebaut. Gleich daneben nimmt eine große Schalttafel einen Teil der Hallenwand ein.

Auf dem Rückweg warfen wir einen Blick in die Werkstätte, die für alle Reparaturen zuständig war und noch heute ist und in der einige alte Werkzeuge und Werkzeugmaschinen zu bestaunen sind. Dann betraten wir den Websaal - rechts der Tür die Stempelkarten in den Fächern der Anwesend- oder Abwesend-Seite, dazwischen die nostalgische Stempeluhr – linker Hand die Eingangskontrolle für die Garne, die auf Qualität und Liefermenge geprüft wurden. Zu sehen sind mehr als 30 liebevoll restaurierte historische Maschinen, unter anderem einige zum Vorbereiten der Baumwoll-Garne für das Weben, deren Funktion von unserem Guide sehr verständlich erklärt und die von einem weiteren Museumsmitarbeiter zur Demonstration in Betrieb genommen wurden.

Und dann ging es ans Weben. Verschiedene jeweils von den unter dem Tageslicht spendenden Sheddach verlaufenden Transmissionen angetriebene Maschinenwebstühle wurden uns gezeigt, erklärt und auch betrieben – jeder für sich schon eine enorme Lärmquelle. Als dann aber acht Webstühle gemeinsam ratterten, war kein Wort mehr zu verstehen – was mag das erst ein Krach gewesen sein, wenn in so einer Halle hundert oder mehr Webmaschinen gleichzeitig produzierten – Gehörschutz war in diesen Zeiten noch ein Fremdwort und Schwerhörigkeit eine der verbreiteten Berufskrankheiten. Anschließend wurden die erzeugten Stoffe auf Fehlerfreiheit geprüft, denn nur für einwandfreie Gewebe wurde auch der Lohn bezahlt, was im nebenan gelegenen Büro erfolgte, in dem alles unter den strengen Augen des Chefs und im Beisein aller im Büro Tätigen geschah, gleich ob Buchhaltung, Tadel oder Lohnforderung eines Beschäftigten oder Verhandlungen mit einem Kunden. Es war mit den Stehpulten so lange eine reine Männerwelt, bis die erste Schreibmaschine kam, mit der die Herren nichts zu tun haben wollten.

Damit war die Führung durch die Weberei beendet und wir bedankten uns bei unseren beiden Museumsführerinnen für ihre über eineinhalb Stunden langen, fundiert und gut verständlich, humorvoll und mit viel Herzblut vorgetragenen Erklärungen. Auf dem Weg zum Museumsrestaurant „Schiffchen“ nutzte mancher von uns die Gelegenheit, im Museumsladen etwas von den nebenan hergestellten Produkten wie Küchen-, Geschirr-, Hand- und Grubentücher oder Tischdecken zu erwerben.

Im gemütlichen Ambiente des „Schiffchen“ ließen wir uns dann das Essen und die Getränke schmecken. Gut gestärkt machten wir uns dann zu Fuß auf den Weg zur etwa eine Viertelstunde entfernten ehemaligen „Spinn-Web Herding“, die mittlerweile zum TextilWelt-Museum gehört. In den Backsteinhallen drehten 23.000 Spindeln Baumwolle zu Garn, das auf fast 600 Webstühlen dann weiterverarbeitet wurde und die das Unternehmen zu einem der größten Bocholter Textilbetriebe machten, der um das Jahr 1950 noch 520 Beschäftigte zählte. Heute sind die Hallen fast leer, aber eine ganze Reihe Spinnereimaschinen, deren Funktion die Museumsführerin uns erklärte, warten darauf, restauriert, repariert und wieder in Betrieb genommen zu werden. Einige von ihnen wie etwa eine Ringspinnmaschine oder einige Bandwebmaschinen (teils aus unserer Nachbarstadt Wuppertal) sind aber schon zu bestaunen und werden nicht ohne Stolz von ehemaligen Textilarbeitern vorgeführt.

Damit war der museale Teil unserer Tour beendet und wir spazierten zurück zum Bus, wo Herr Makossa schon auf uns wartete, um uns zum angekündigten Überraschungspunkt zu bringen, der sich als die malerische Wasserburg Anholt in Isselburg nahe der Grenze zu den Niederlanden herausstellte. In einem weitläufigen und sehenswerten Park gelegen ist die Anlage eines der größten Wasserschlösser im daran nicht gerade armen Münsterland, deren Ursprünge bis ins 12. Jahrhundert zurückgehen. Die im niederländischen Barockstil erbaute Burg wurde im Frühjahr 1945 bei schweren Kämpfen um die nahegelegenen Abschussrampen der V2-Raketen zu 70 Prozent beschädigt, aber nach dem Kriege zügig wiederhergestellt. Heute wird das Schloss wieder teilweise von der Fürstenfamilie zu Salm-Salm bewohnt, andere Teile sind als ein Museum mit vielen original erhaltenen Inneneinrichtungen sowie einer großen privaten Gemäldesammlung und als Hotel mit Restaurant und einem Golfclub der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.

Für uns war im rundum verglasten Wasserpavillon, der ganz in den Schlossteich hinein gebaut ist, zu Kaffee und Kuchen gedeckt worden, was wir uns alle dann beim herrlichen Blick auf den Park auch schmecken ließen. Das war der gelungene Abschluss eines herrlichen und interessanten Tages, an dem uns Herr Makossa zu guter Letzt dann auch noch wohlbehalten wieder zurück an die Klingenhalle brachte, wofür wir ihm alle herzlich danken.

Organisation: Jürgen Stamm

 

 

Gerhard Moch (Schriftführer)