VTI-Fahrt in die „Seidenstadt“ Krefeld 2014

 

Mit einem roten „Laune-Bus“ von Rheingold-Reisen aus Wuppertal machten sich am Dienstag, den 9. September, 39 unserer Vereinsmitglieder und 4 Gäste auf den nicht allzu weiten Weg nach Krefeld, wobei der „Laune-Bus“ (Iveco-Irisbus) nicht „nomen est omen“ diese bei uns hob. Herr Dieter Limpert war für diesen Tag unser Fahrer, der uns nach einigen Informationspannen am Reisebushalt Dyckerfeld abholte. Nach einigen Umwegen in Krefeld (für den Bus zu niedrige Unterführungen) erreichten wir leider leicht verspätet unser Ziel.

Die Herren vom Haus der Seidenkultur erwarteten uns bereits und holten uns am Bus ab. Wir betraten das 1868 vom Seidenwarenfabrikant Diepers in der Luisenstraße 15 erbaute nostalgische Vier-Fenster-Haus durch die rechte der beiden nebeneinander liegenden Eingangstüren, die den Kunden Zugang zum im Erdgeschoß liegenden Kontor bot. Durch die linke Tür erreichten die Seidenweber über die Treppe den Websaal auf der ersten Etage. Die Anzahl der Fenster im Obergeschoss wies auf die Breite des Hauses hin und damit indirekt auf den Reichtum des Besitzers. Auf unserer späteren Stadtrundfahrt haben wir sogar das Zehn-Fenster-Haus eines italienischen Seidenwebers gesehen.

Ein Mitarbeiter des Hauses begrüßte uns im Forum und führte uns in die Historie ein (auch mit Hilfe einer Video-Präsentation). Wegen der religiösen Verfolgungen im 17. und 18. Jahrhundert ließen sich zahlreiche Auswanderer (Mennoniten) aus den Niederlanden und aus Frankreich und danach Protestanten aus den benachbarten katholischen Regionen im neutralen Krefeld nieder. Die Söhne des 1656 aus Radevormwald ausgewiesenen Adolf von der Leyen begründeten die Krefelder Seidenweberei, die sich in den folgenden Jahren rasant entwickelte. In der Stadt produzierten zwischen 1859 und 1882 insgesamt 154 Seiden- und 144 Samtwebereien, dazu viele Zulieferbetriebe wie z. B. Färbereien. Im Jahre 1875 wurden auf den 30.000 Webstühlen 322 t Rohseide, 180 t Schappseide und 465 t Baumwolle verarbeitet

Der Fabrikant Hubert Gotzes kaufte 1908 das Diepers-Haus und richtete eine Paramentenweberei ein. Auf den Jacquard-Handwebstühlen wurden von den Webern prunkvolle Seiden- und Samtstoffe für Priestergewänder, Baldachine, Altardecken und Fahnen angefertigt. Die schon 1805 vom französischen Weber Joseph-Marie Jacquard erfundene Technik verbreitete sich in Krefeld schnell. Sie benutzt breite Lochkarten, um aufwendige Webmuster in einem Arbeitsgang zu realisieren und ist somit ein Vorläufer des computergesteuerten Designs. Da die Paramente meist nur in sehr kleiner Anzahl hergestellt wurden, konnten die modernen Webstühle diesem Nischenmarkt lange Zeit nichts anhaben. Somit stellte Gotzes die wertvollen mit Silber- und Goldfäden durchwirkten Stoffe bis zum Ende in Jahre 1992 wie früher manuell her. Das Ende brachte der Tod des letzten Handwebers – der Betrieb musste von Erwin Maus, dem letzten Erben von Hubert Gotzes, eingestellt werden.

So viel zur Geschichte, es ging mit dem Rundgang durch das Industriedenkmal weiter. In drei Gruppen aufgeteilt und jede geführt von einem ehrenamtlichen Mitarbeiter des kleinen Museums starteten wir mit unterschiedlichen Themenbereichen. Durch den Flur mit den schönen im Original erhaltenen Bodenfliesen und über die Holztreppe hinauf ging es zu dem im Obergeschoß gelegenen im Originalzustand erhaltenen Websaal. Hier stehen acht Handjacquardwebstühle, alle aus Holz gebaut und die meisten von ihnen noch voll funktionsfähig. Sie sehen aus, als hätten die Weber ihre Arbeitsplätze soeben zur Pause verlassen. Auf einem von ihnen demonstriert uns unser Guide die Kunst des Webens und wie dabei ein einfaches Karomuster entsteht. Auf den Webstühlen erkennt man die Aufsätze der Jacquard-Steuerung mit den breiten zu einer Art überdimensionalen Lochstreifen verbundenen Lochkarten, die das Anheben und Absenken der Kettfäden beim Weben der komplizierten Muster steuern. In den Regalen an der Wand schillern auf tausenden Garnspulen alle Farben des Regenbogens.

Auf ein akustisches Zeichen hin tauschten die drei Gruppen ihre Besichtigungsschwerpunkte und somit auch den Museumsführer. Jetzt bekamen wir gezeigt, welch herrliche Produkte auf diesen Webstühlen entstanden sind. Vor einer schwarz-weißen Fotowand ist die Fronleichnamsprozession von St. Dionysius in Krefeld dargestellt – die von den Figuren getragenen prächtigen Priestergewänder zeigen die ganze Pracht der Farbpalette des Kirchenjahres. Der nächste Raum beherbergt das umfangreiche Archiv mit den historischen Mustern. Wie entstand so ein Dessin? Der Stoffmusterentwurf des Musterentwerfers wurde vom Patroneur (der Beruf des Herren, der uns das erklärte) auf dem in Quadrate eingeteilten Patronenpapier in eine Art technische Zeichnung umgesetzt, die dann vom Kartenschläger auf der Kartenstanzmaschine in die breiten Lochkarten umgesetzt (geschlagen) wurde. Im Prinzip konnte man beliebig viele dieser Lochkarten zu einer Art endlosen Lochstreifen aneinanderreihen, der dann in die Steuerung des Webstuhls eingelegt und von diesem umgesetzt wurde. Sollte also ein anderes Muster gewebt werden, brauchte somit nur dieses „Kartenspiel“ getauscht werden.

Und es war abermals Zeit, die Gruppen zu tauschen. Über die Treppe ging es wieder hinunter ins Parterre. Hier zeigte man uns die Produkte, die heute in den wenigen in der Stadt noch tätigen Webereien hergestellt werden. Aus kostbarem Seidenstoff mit dem historischen Elefanten schneiderte ein Krefelder Modemacher ein wunderschönes Dirndl, in dem die damit gekleidete Dame ganz sicher der Blickfang ist. Weitere sehenswerte Kreationen ergänzen die kleine Ausstellung. Nach dieser interessanten Führung konnte man im Museumsshop weitere hochwertige Artikel bewundern, die nach den originalen Paramentenmustern angefertigt worden sind, wie etwa Schals und Tücher, Krawatten und Herrenwesten als Hingucker für den Abend oder unter dem Smoking, die bei Gefallen natürlich käuflich erworben werden durften und damit dem Erhalt dieses einzigartigen Museums dienen.

Wir dankten unseren Museumsführern, die uns mit ihrem ganzen Herzblut diesen industriegeschichtlichen Schatz nahebrachten und verabschiedeten uns von ihnen. Herr Dieter Brenner, zuständig für die Besucherbetreuung und die Öffentlichkeitsarbeit, führte uns mit schnellem Schritt in den in der nahen Fußgängerzone gelegenen Brauerei-Ausschank Wienges, wo wir uns zum Mittagessen angemeldet hatten. In der gemütlichen Brauhausatmosphäre fühlten wir uns sofort wohl und nach dem ersten würzig-dunklen hausgebrauten Altbier schon beinahe zuhause. Bei deftiger Hausmannskost waren wir dann schnell wieder fit für einen ereignisreichen Nachmittag. Dazu holte uns unser Fahrer Dieter am Ende der Fußgängerzone mit dem Bus ab – die Stadtrundfahrt mit dem Thema „Auf seidenen Pfaden“ war angesagt und Herr Brenner unser Stadtführer.

Gleich zu Beginn begrüßte uns dazu auf dem Südwall „Meister Ponzelar“, eine bronzene Statue von 1911, die einen typischen Seidenweber aus den Jahren um 1900 darstellt und an die Zeiten erinnert, als in der Stadt noch an Handwebstühlen das Geld verdient wurde. Am Ende des Südwalls zeigte uns unser Guide das schon erwähnte Zehn-Fenster-Haus des aus Italien zugewanderten Seidenfabrikanten Casaretto, dann das ehemalige Stadtpalais der Familie von der Leyen, heute das Krefelder Rathaus, einige der Stadtpaläste der Seidenbarone wie das Floh´sche Haus, die Kirche St. Dionysius mit ihrem fast 80 Meter hohen interessanten Turm, das wenig schöne Seidenweberhaus und das moderne Stadttheater. Weiter ging es zu den Bauhaus-Häusern, zwischen 1927 und 1930 vom Architekten Ludwig Mies van der Rohe für die Verseidag (Vereinigte Seidenwebereien AG) entworfen und erbaut, und zum Königpalast, einer Mehrzweckarena, in der die Krefeld Pinguine beheimatet sind. Auch vom alten Krefeld war noch etwas zu sehen – die unter Denkmalschutz stehenden niedrigen Weberhäuschen, die an die Zeiten der Heimwebereien erinnern.

Die „Seidenen Pfade“ endeten für uns nicht von ungefähr in Krefeld-Uerdingen in der am Rheinufer gelegenen historischen Weinbrennerei Dujardin, denn wir wollten die Gelegenheit nutzen, uns die namentlich wohlbekannte (ehemalige) Uerdinger Weinbrennerei anzusehen. Unsere Guides führten uns in zwei Gruppen durch die seit 2010 unter Denkmalschutz stehenden aus dunklem Backstein erbauten Gebäude des historischen Museums. Die wunderschönen Brennblasen aus blankgeputztem Kupfer sehen so aus, als würden sie schon am nächsten Tag ihre hochgeistigen Aktivitäten wieder aufnehmen. Sachkundig erklärte man uns den Brennvorgang in den beiden räumlich getrennten Destillationsbereichen, den Weinbrennereien I und II, und wie dann eine Etage höher die Menge des Destillats ermittelt wurde (Väterchen Staat war rund um die Uhr dabei), bevor der Alkohol auf Trinkstärke gemischt wurde. Der weitere Weg durch die Rohrleitungen führte in die großen hölzernen Lagerfässer, von denen jedes bis 16.000 Liter aufnimmt. Zum Reifen wurde der junge Weinbrand dann in die kleineren 300-Liter-Reifefässer umgefüllt, hergestellt aus französischer Limousin-Eiche, die dem Weinbrand die Farbe und das spezielle Aroma verliehen und wo er mehrere Jahre lagerte, ehe er dann in Flaschen abgefüllt worden ist. Weitere Punkte auf unserem Rundgang war das Laboratorium, das damals durchgehend besetzte Zollbüro, ein kleines Museum und die Küferwerkstatt, in der die Fässer repariert und aufgearbeitet worden sind. Damit war die Besichtigung beendet und wir strebten am alten Dujardin-Eisenbahnkesselwagen, der im Innenhof steht, vorbei in die Verkostungsstube.

Hier erfuhren wir noch einiges über die lange Geschichte des Hauses Dujardin, das 2010 schon sein 200-jähriges Bestehen feiern konnte. Die Dujardin GmbH & Co. KG, vormals Gebr. Melcher, lässt ihre Weinbrände und andere Spirituosen mittlerweile von der Schwarze & Schlichte Markenvertrieb GmbH & Co. KG in Oelde in Westfalen herstellen und vertreiben. Im Jahre 1810 begann Henry Melcher Cognac herzustellen. Den dafür erforderlichen Wein bekamen die Melchers von der Winzerfamilie Dujardin vom Chateau des Mérigots in der Charente (Frankreich – nordöstlich von Bordeaux an der Atlantikküste), mit der sie zusammen die Firma Dujardin & Compagnie vorm. Gebr. Melcher gründeten – Dujardin wurde zum Markennamen. Nach dem ersten Weltkrieg durften deutsche Hersteller die Bezeichnung „Cognac“ nicht mehr verwenden, sie wurde daher durch „Deutscher Weinbrand“ ersetzt. In den Jahren danach entwickelte sich das Unternehmen zu Deutschlands größtem Weinbrand-Hersteller.

Dieser Erfolg erforderte eine neue Produktionsstätte, die bis 1930 am heutigen Standort erbaut, dann aber bei einem schweren Luftangriff alliierter Bomber am 22. August 1943 wieder total zerstört wurde. Schon 1947 war der Wiederaufbau abgeschlossen und bald danach war die Uerdinger Weinbrennerei wieder die zweitgrößte im Lande. Der 1952 entstandene Slogan  „… darauf einen Dujardin“, den viele von uns noch kennen, machte das Produkt noch populärer. Um der Nachfrage gerecht werden zu können, setzte Dujardin mit der M.S. Imperial ein eigenes Seeschiff ein, das im Vierzehntage-Rhythmus 400.000 Liter Wein zum Brennen von den Weinhäfen in Frankreich über Rotterdam direkt nach Uerdingen lieferte. Dazu mussten die Lagerkapazitäten verdreifacht und die Verladeanlagen modernisiert werden. In diesen Jahren waren hier über 450 Personen tätig. 1983 fusionierte Dujardin mit Pott & Racke, einem Spirituosen-Fabrikanten mit Sitz in Bingen am Rhein, wohin dann die Verwaltung verlegt worden ist. Ab 1993 folgte auch die Abfüllung dorthin, wobei nach wie vor in Uerdingen gebrannt wurde. 2006 gingen die Vertriebsrechte an den Marken dann an den Spirituosen-Hersteller Schwarze & Schlichte, Racke zog sich ganz aus der Spirituosen-Herstellung zurück. In jenem Jahr 2006 produzierten in Uerdingen nur elf Mitarbeiter Weinbrand in 12.000 Fässern mit je 300 Litern Inhalt – seitdem ruht der Betrieb dort weitestgehend – nur „Uerdinger“ wird noch in Uerdingen gebrannt. Nach so viel Geschichte konnten wir dann auch ein Glas Weinbrand oder Doppelwacholder vertragen sowie probieren und diese Produkte oder auch andere Reisemitbringsel im kleinen Shop nebenan erwerben.

Gut gelaunt ließen wir uns dann von Herrn Limpert in den Krefelder Stadtwald, vorbei an der einen oder anderen kleinen Villa, zum denkmalgeschützten Stadtwaldhaus bringen, wo wir gemeinsam zu Abend essen wollten. Bei wunderbarer Aussicht auf den Landschaftspark, den romantischen kleinen See und den mit 3000 Sitzplätzen angeblich größten und schönsten Biergarten am Niederrhein, ließen wir uns dann auch die Getränke und die Speisen schmecken. Hier verabschiedeten wir uns von Herrn Brenner und dankten ihm, dass er uns über viele Stunden die „Seidenstadt“ Krefeld nahegebracht hat. Wohlbehalten setzte uns dann unser Fahrer nach zügiger Fahrt wieder am Ausgangpunkt unserer Tour in Solingen ab – ihm ein Dankeschön dafür.

Organisation: Jürgen Stamm

 

 

Gerhard Moch (Schriftführer)