VTI-Besuch beim Firmenverbund Flügel CSS + PCM in Solingen

Wetzstähle + Stanzerei + Schutzgas-Härterei + Maschinenmesser

 

Zur Saisoneröffnung am Donnerstag, den 21. März, mussten unsere VTI-Mitglieder nicht weit anreisen, denn wir hatten seit mehreren Jahren wieder einmal ein Heimspiel und besuchten in Solingen-Aufderhöhe die in der Straße „An den Eichen“ etwas versteckt gelegenen Unternehmen Flügel CSS + PCM. Um halb zehn Uhr holten uns der Inhaber und Geschäftsführer Herr Eike Sträter, der Betriebsleiter Herr Scheer sowie Herr Schumacher aus dem Bereich Härterei/Warmbehandlungen sowie Herr Schlemper, Betriebsleiter bei PCM, am Werkstor ab.

In einer ruhigen Halle begrüßte uns Herr Sträter und berichtete uns zunächst von der 111jährigen Tradition des Unternehmens Flügel CSS, das im Jahr 1908 unter dem Namen Oscar Flügel & Sohn als Prägeanstalt für Scheren und Geschenkartikel gegründet wurde. Bald kamen neue Produkte wie Abstreifgabeln (z. B. für Gurken), Zucker- und Eisgreifer und Servierzangen dazu. Anfang der 1970er Jahre spezialisierte man sich auf die Herstellung von Wetzstählen. Inzwischen entwickelte sich Flügel CSS (Abkürzung des schönen deutschen Begriffs „Cutlery Service Solingen“) zum weltweit führenden Hersteller von Messerschärfsystemen. 1999 ging die Firma Oscar Flügel & Sohn in die Flügel CSS GmbH & Co. KG über, geleitet von Eike Sträter. 2001 zog das Unternehmen in ein neues Fertigungsgebäude in Solingen-Aufderhöhe. 2009 wurde das Portfolio durch Zukauf um zwei neue Geschäftsbereiche vergrößert. Neben dem Wetzstahlbereich gehören nun auch das Stanzen und das Härten zum Produkt- und Dienstleistungsangebot des Unternehmens, das mittlerweile etwa 65 Mitarbeiter beschäftigt.

Friedhelm Sträter, vielen bekannt als ehemaliger IHK-Präsident, der Vater von Eike Sträter, dem aktuellen Geschäftsführer, gründete 1992 gemeinsam mit drei weiteren Gesellschaftern die ebenfalls „An den Eichen“ beheimatete Firma PCM (ProfiCUT Messertechnik GmbH). Diese stellt auf modernen Fertigungsmaschinen Maschinenbauelemente wie Maschinenmesser und Teile für die Automobil- und Energietechnik her. Neben der Komplettfertigung von Bauteilen bietet PCM auch Einzelarbeiten wie z. B. Präzisionsschleifen auf CNC-gesteuerten Maschinen an. Aktuell sind 35 Mitarbeiter in diesem Bereich tätig.

Aufgeteilt in drei Gruppen begann dann die Führung durch die Unternehmen. Herr Scheer führte uns zunächst in die Stanzerei. Auf diversen Pressen und Stanzautomaten, die bis zu 3000 kN (300 Tonnen) Druck generieren können, werden aus rechteckigem oder kaltprofiliertem Bandmaterial oder Blechplatten je nach Kundenwunsch kleine, mittlere oder große Serien gestanzt. Vorwiegend sind das Messer- und Scherenrohlinge für die Schneidwaren- und Besteckindustrie, aber auch Teile für die Konsumgüterindustrie, den Maschinen- und Anlagenbau sowie den Landmaschinenbau. Geliefert wird hauptsächlich an Solinger Unternehmen, aber auch an Kunden aus Deutschland und Europa.

Herr Sträter führte uns anschließend durch die Wetzstahlfertigung. Dort wird im ersten Arbeitsschritt der Rohling von einer mehrere Meter langen Stange aus legiertem Werkzeugstahl mit entweder rundem oder ovalem Querschnitt abgelängt. Auf einer CNC-Drehmaschine entsteht dann an einem Ende die sogenannte Angel, auf die am Ende der Griff montiert wird. Das andere Ende, die Spitze, erhält eine leicht konische Form oder wird einfach abgerundet. Im nächsten Arbeitsgang werden die runden Stähle auf Durchmesser geschliffen, bei den ovalen Querschnitten das Profil. Anschließend erfolgt das Ziehen, was bedeutet, dass der Wetzstahl sein spezielles Profil, die charakteristischen Längszüge, erhält (aber nicht die ovalen Querschnitte, die später mit Diamantpartikeln beschichtet werden). Da die Wetzstähle ja für diverse Kunden in Solingen, in Deutschland und in und außerhalb Europas produziert werden, werden sie entsprechend mit deren Namen oder Logo gestempelt.

Der nächste Schritt der Fertigung ist das Härten, das seit geraumer Zeit aus Sicherheits- und Umweltgründen nicht mehr im Salzbad, sondern induktiv erfolgt. Dabei wird der senkrecht hängende Wetzstahl durch eine Kupferspule geführt, an die eine Wechselspannung mit hoher Frequenz angelegt und die von innen unter hohem Druck mit Wasser gekühlt wird. Die im Werkstück erzeugten Wirbelströme erhitzen die Oberfläche bis zum Glühen und diese wird im gleichen Arbeitsgang mit kaltem Wasser abgeschreckt und somit gehärtet. Der verwendete legierte Werkzeugstahl erreicht dabei eine Härte von 66 HRC, was zum Schärfen selbst der härtesten Messerklingen genügt. Um die beim Härtevorgang entstehende Verfärbung und Verzunderung zu beseitigen, steht als nächster Schritt das Sandstrahlen auf dem Arbeitsplan. Anschließend erhalten die künftigen Wetzstähle bei einem Solinger Galvanik-Betrieb zum Schutz eine Hartchrom-Schicht.

Wieder zurück im Hause werden die Schärfstäbe magnetisiert, damit die beim Wetzvorgang entstehenden kleinen Metallpartikel nicht vom Messer in die zuzubereitenden Speisen gelangen. Am Ende der Herstellung wird auf die Angel der zugehörige Griff aufgepresst, der wesentlich zur Sicherheit und zur optimalen Handhabung beiträgt. Hauptsächlich besteht er aus Kunststoff, aber auch aus Holz oder Metall – selbst ein Hirschhorngriff ist möglich. Am Ende geht’s zum Verpacken und dann hinaus in die weite Welt.

Die immer beliebter werdenden Diamant-Wetzstähle erhalten keinen Zug, sondern gehen nach dem Schleifen des Profils zum Stempeln, zum Induktivhärten und zum Sandstrahlen. In der hauseigenen Galvanik werden die ovalförmigen Rohlinge mit Nickel beschichtet und dabei setzen sich synthetische Diamantpartikel auf der jeweiligen Staboberseite ab, weshalb dieser Vorgang nach einer Drehung des Stabs von 180 Grad um die Längsachse erneut durchgeführt werden muss. Die dabei aufgetragenen bis zu zwei Millionen Minidiamanten, die zusammen etwa ein Karat ergeben, werden anschließend durch eine Hartchromschicht eingebunden und fixiert. Ein großes Marmeladenglas gefüllt mit diesen künstlichen Diamantwinzlingen kostet zirka 8000 Euro, was sich natürlich im Preis dieser Wetzstähle niederschlägt. Am Ende werden auch diese Stäbe mit den Griffen komplettiert.

Herr Peter Schumacher, Mitglied bei uns im VTI und der Leiter der Härterei, nahm uns anschließend in Empfang, um uns durch seinen Bereich, der vorwiegend als Lohnhärterei arbeitet, zu führen. Er zeigte und erklärte uns eine der drei Bandofenanlagen, in denen rostbeständige und andere lufthärtende Werkstoffe unter Schutzgasatmosphäre (Wasserstoff) geglüht und durch Schnellabschreckung gehärtet werden können. Beheizt werden die Öfen mit leistungsstarken Gasbrennern, die mit Erdgas aus dem städtischen Netz befeuert werden und durch zwei redundante computergesteuerte Systeme beinahe auf das Grad genau eingestellt werden können. Dadurch ist es möglich, komplizierte dünnwandige Teile beinahe verzug- und zunderfrei und ohne Verfärbung zu härten. Weitere Möglichkeiten sind das Blankglühen von Chrom-Nickel-Stählen sowie das Tiefkühlen von Werkstoffen zur Verbesserung von deren metallischen Eigenschaften. Ein spezielles Kapitel ist das Richten von Werkstücken nach der Warmbehandlung, wenn der Verzug an einigen Arbeitsplätzen von Hand und viel Erfahrung mit ein paar leichten und vor allem gezielten Hammerschlägen korrigiert werden kann. Auch ein kleines Labor zur Werkstoffprüfung steht zur Verfügung, wo nach verschiedenen Verfahren Härteprüfungen und Gefüge-Untersuchungen durchgeführt werden können.

Als weiteres Standbein zählt die im gleichen Komplex untergebrachte Firma PCM, durch die uns Herr Schlemper, der Betriebsleiter dieses Bereichs, und Herr Mankel führten. Die Geschichte dieses Unternehmens begann mit der Fertigung von Maschinenmessern für Papier-Hebelschneider. Die Maschinenmesser dienen heute zum Schneiden von Lebensmitteln, Kunststoffen und Glasfasern und werden an namhafte deutsche Unternehmen geliefert. Weiterhin fertigt man Führungsleisten für den Maschinenbau und Präzisionsteile für die Werkzeugindustrie, vor allem auch vieles mit und für Firmen in der Nachbarstadt Remscheid. Für diese Arbeiten stehen eine ganze Reihe CNC-gesteuerte Flach- und Profilschleifmaschinen sowie CNC-Bearbeitungszentren mit bis zu fünf Achsen zur Verfügung - dazu gehören natürlich auch die hochqualifizierten Mitarbeiter. In der CNC-Schleiftechnik zählt man sich zu den führenden Anbietern in Europa.

Um halb zehn ging es los, um halb zwei trafen wir uns wieder auf dem Hof – alle bestimmt fünf Zentimeter kleiner nach der langen Führung, aber auch einen Meter schlauer nach allem, was wir in diesen vier Stunden erfahren haben. Letzte offengebliebene Fragen konnten von den Herren, die uns geführt haben, noch beantwortet werden. Wir dankten Ihnen für die informative und vor allem interessante und verständliche Führung. Natürlich dankten wir aber zum Schluss auch Herrn Sträter, der sich zusammen mit seiner Mannschaft so viel Zeit nahm, um uns diesen umfassenden Einblick in seine Unternehmen zu ermöglichen. Wir wissen nun, was diese mittelständischen Unternehmen leisten und wie viel Knowhow dort konzentriert ist. Zur Erinnerung erhielt jeder aus seiner Hand einen sogenannten Outdoor-Wetzstahl im Kugelschreiberformat und ein sehr scharfes Küchenmesser aus Solinger Produktion, wofür wir Ihm nochmals danken und Ihm, seinen beiden Unternehmen und den Menschen, die dort mit viel Engagement beschäftigt sind, viel Erfolg in der Zukunft wünschen.

Organisation: Jürgen Stamm

 

 

Gerhard Moch (Schriftführer)