VTI-Fahrt nach Essen + Oberhausen

Villa Hügel (Mythos Krupp) + Gasometer (Wunder der Natur)

Es sollte der heißeste Tag des Jahres werden, jener Mittwoch am 20. Juli 2016, an dem wir uns auf dem Parkplatz vor der Klingenhalle trafen, um auf Tour ins Ruhrgebiet zu gehen. Wie schon beinahe üblich holte uns Herr Makossa von Wiedenhoff-Reisen ab, allerdings dieses Mal ausnahmsweise wegen der großen Nachfrage (57 VTI-Mitglieder) mit dem 14 Meter langen Daimler Benz Tourismo mit 61 Sitzplätzen. Ohne Verkehrsprobleme erreichten wir die in einem ausgedehnten 28 Hektar großen Park in Essen-Bredeney oberhalb des Baldeneysees gelegene Villa Hügel. Auf dem Rasen vor dem Museum begrüßte uns Friedrich Alfred Krupp persönlich, allerdings als Bronzestatue. Die Zeit bis zum Start der Führung verbrachten wir hauptsächlich im Schatten von hohen Bäumen oder der etwas großzügiger geratenen Villa.

Und dann ging es auch schon in zwei Gruppen los. Glücklicherweise folgte uns die Sommerhitze nicht hinter die soliden Steinmauern des Prunkbaus. In der imposanten Unteren Halle erfuhren wir zunächst einiges über den geschichtlichen Hintergrund dieses Bauwerks, das sich eigentlich in drei Gebäude gliedert, nämlich das große Haupthaus, daneben das „Kleines Haus“ genannte Gästehaus und den Verbindungstrakt zwischen den beiden. Erbaut wurde dieser Familienwohnsitz der Industriellendynastie Krupp in den Jahren 1870 bis 1873 von Alfred Krupp, der von 1812 bis 1887 lebte. 269 Räume mit zusammen 8100 Quadratmetern Wohn- und Nutzfläche finden im Gesamtkomplex Platz. Man bedenke – ein Fußballfeld für internationale Begegnungen misst 105×68 Meter, was eine Fläche von 7140 m² ergibt. Der prunkvolle Bau ist im Grundbuch als „Einfamilienhaus“ eingetragen, es ist damit das größte Einfamilienhaus des Landes. Hier waren Kaiser, Könige, Staatsmänner, Politiker und Unternehmer aus der ganzen Welt zu Gast. Auch der Deutsche Kaiser Wilhelm II. war elfmal zu Besuch, zum ersten Mal am 20. Juni 1890. Vier Generationen Krupp wohnten von 1873 bis 1945 auf dem „Hügel“. Heute wird die Villa, die seit 1986 unter Denkmalschutz steht, von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung verwaltet.

Alfred Krupp hat nicht nur das Äußere der Maxi-Villa bestimmt, sondern auch die innere Aufteilung. Im Erdgeschoß sollten sich die gesellschaftlichen Räume befinden, im Obergeschoß die privaten, wozu auch die privaten Geschäftsräume gehörten. Auf der zweiten Etage wohnte Personal, außerdem gab es auf dem Dachboden weitere Stauräume. Im Keller war der Platz für die großzügige Küche, die Vorrats- und die Wirtschaftsräume, die Wasch- und Baderäume für das Personal, die Heizung und Lüftung (erste Klimaanlage der Welt), die Elektrik und die weitere Haustechnik. Dass das alles die Ausmaße eines Industrieunternehmens hatte, zeigt die Anzahl der Beschäftigten, die strengen Regelungen unterlagen, aber dafür sehr gut entlohnt wurden. Alphabetisch vom Arzt bis zur Weißzeugnäherin addierte sich das im Jahre 1902 zu 570, anno 1914 sogar zu 614 Angestellten, die für das Wohl der Familie und deren Gäste sorgten.

 Zunächst sahen wir uns die im Erdgeschoß gelegene Untere Halle an, die einen allein schon mit den riesigen Abmessungen erschlägt. Eine herrlich mit Holz vertäfelte Decke betont die beeindruckende Höhe des Raums. Von ihr hängen Kronleuchter, die der Halle ein luxuriöses Ambiente verleihen. An den hellen Wänden hängen Gemälde von den Kaisern Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. und dessen Gattin Auguste Viktoria sowie der Männer und Frauen der Familien Krupp und von Bohlen und Halbach ohne und mit Familie oder auch zu Pferd. An der dem Eingang gegenüberliegenden Wand betritt man eine mit viel Eichenholz gestaltete Bibliothek mit jeder Menge dicken alten Büchern hinter verglasten Schranktüren. Rechts davon ist eine gemütliche Sitzecke, die zum Plaudern oder auch zum Lesen einlädt. Nach links über ein paar Stufen hinab geht es in den repräsentativen neobarocken Festsaal, auch Gartensaal genannt, weil man durch die hohen Fenster einen wunderbaren Blick in den Garten genießt. Die Wände sind mit wertvollen Gobelins verkleidet und das schöne Parkett wird zum großen Teil von einem riesigen Teppich bedeckt. Wieder zurück in der Unteren Halle betritt man von dort aus einen weiteren aufwendig dekorieren großen Saal, der vorwiegend als Speisesaal diente. Auf der gegenüberliegenden Seite der Halle führt das mit edlem Holz verkleidete Treppenhaus hinauf in die oberen Räumlichkeiten.

Dann betritt der Besucher die obere Halle, wieder ein riesiger Raum, mit viel dunklem Holz vertäfelt und mit wertvollen Gobelins geschmückt, aber ohne Fenster. Licht kommt ausschließlich durch das hohe tonnenförmige Glasdach, das etwas an die prunkvollen gewölbten gläsernen Dächer der ersten Einkaufpassagen erinnert. Der Saal wurde hauptsächlich als Konzerthalle genutzt. Für diesen Zweck hat man 1912 auf der Nordempore eine Orgel installiert. Von der Stirnseite geht es nach rechts ab in das prächtige Arbeitszimmer von Alfred Krupp. Auf der anderen Seite betritt man das Appartement, das speziell für die kaiserlichen Besuche eingerichtet wurde. Am Ende ging es wieder hinunter durch das noble Treppenhaus in die Untere Halle und von da hinüber in das in den Jahren 2005/06 denkmalgerecht sanierte und neu gestaltete ehemalige Gästehaus, in der die Historische Ausstellung Krupp zu sehen ist.

Im Erdgeschoß des Kleinen Hauses, in dem der ehemalige Charakter der Villa wieder zu erkennen ist, befasst man sich noch einmal mit der Familie Krupp und der Villa Hügel mit dem sie umgebenden Park. Im Obergeschoß wird die Geschichte des 1811 von Friedrich Krupp gegründeten und somit über 200 Jahre alten Unternehmens erzählt. An prominenter Stelle stehen drei nahtlos hergestellte Eisenbahnradreifen aus Stahl, die auch das weltberühmte Firmenlogo mit den drei Ringen symbolisiert - erst diese Erfindung des bruchsicheren Radreifens in den Jahren 1852/53 und dem Krupp-Patent darauf ermöglichte den raketenhaften Aufstieg. Aber nicht nur zivile Produkte, sondern auch militärische haben zum Erfolg des Unternehmens beigetragen, wie die drei verschämt in einer Glasvitrine ausgestellten Kanonenkugeln zeigen. Geschützrohre aus Gussstahl, U-Boote und Lokomotiven, aber auch mit viel Knowhow hergestellte Schmiedeprodukte wie die um 90 Grad verdrehte Vierkantwelle zeugen von der Leistungsfähigkeit des Konzerns, der auf seinem Höhepunkt 1938 vor dem Zweiten Weltkrieg über 120.000 Menschen beschäftigte. Damit war die Führung beendet – wir dankten unserem Guide für das Gesehene und die verständlichen Erklärungen und verabschiedeten uns nach diesen beeindruckenden Stunden.

Quer durch die ganze Stadt nach Essen-Borbeck im Norden der Reviermetropole brachte Herr Makossa seine inzwischen durstigen und hungrigen Passagiere zur „Dampfe“, der Borbecker Dampfbierbrauerei. Dort ließen wir uns wegen der tropischen Außentemperaturen nicht im ausgedehnten Biergarten, sondern im ehemaligen Hopfenlager mit deftigen Speisen und mit im Hause gebrauten Spezialitäten wie Dampf-, Salon- oder Zwickelbier wieder aufpäppeln.

Weit hatten wir danach nicht zu fahren, denn der Gasometer in Oberhausen war unser Nachmittagsziel. Seit März wird dort die phantastische Ausstellung „Wunder der Natur“ gezeigt und die wollten wir uns in Verbindung mit dem gigantischen Gasbehälter ansehen. Im Erdgeschoß des Gasometers, der mit 68 Metern Durchmesser die nötige Fläche zur Verfügung stellt, sind viele großformatige Fotografien und phantastische bewegte Bilder aus der faszinierenden Welt der Tiere und der Pflanzen zu bestaunen, die von hervorragenden Naturfotografen und Kameramännern festgehalten worden sind.

Aber der Höhepunkt der Ausstellung ist auf der darüber liegenden Etage, die die auf gut vier Metern Höhe fixierte Gasdruckscheibe als Etagenboden bildet, zu bewundern. Im 100 Meter hohen Luftraum des Gasometers schwebt ein Abbild unserer Mutter Erde, wie sie ein Astronaut aus einem sehr hoch kreisenden Raumschiff sehen würde. Hochauflösende bewegte Satellitenbilder werden auf eine Kugel mit 20 Metern Durchmesser projiziert, die in phantastischer Schärfe den Wechsel der Tages- und Jahreszeiten und auch des Wetters auf unserem Globus darstellen. Auf einer flachen bogenförmigen Tribüne kann man auf einem bequemen Polster auf dem Rücken liegend dieses wunderbare Schauspiel des über einem schwebenden blauen Planeten genießen. Leider hielten wir das nicht sehr lange durch, denn der riesige Innenraum ist nicht klimatisiert – es war ungemütlich warm und jeder Meter, den man nach oben zum Aufzug stieg, verschlimmerten die Temperatur noch. In der nach oben fahrenden gläsernen Liftkabine fühlte man sich wie in einem Raumschiff, das an der Erde vorbeischwebt. Oben angelangt traten wir hinaus ins Freie und genossen die Nachmittagshitze, die entgegen der im Inneren herrschenden Glut richtiggehend erfrischend wirkte. Noch ein paar Stufen und wir waren ganz oben auf dem Gasometerdach - von der Plattform genossen wir die großartige Aussicht über das westliche Ruhrgebiet.

Dieses riesige Industriedenkmal wurde als Scheibengasbehälter zwischen 1927 und 1929 von der MAN errichtet und speicherte das Gichtgas der benachbarten Hochöfen der Gutehoffnungshütte, das anschließend in den Walzwerken wieder verfeuert wurde. Der Gasometer ist 117,5 Meter hoch, besitzt wie bereits erwähnt einen Durchmesser von beinahe 68 Metern und konnte 347.000 m3 speichern, womit er der größte seiner Art in Europa war. Nach seiner Stilllegung im Jahr 1988 hätte er abgerissen werden sollen, aber dann hat man ihn glücklicherweise zu Europas höchster Ausstellungshalle umgebaut.

Für den Weg nach unten haben wir dann wieder den gut geheizten Aufzug gewählt, obwohl auch eine luftige Außentreppe nach unten führt, die mit einer Höhe von 115 Metern und 38 Läufen eine der größten Industrietreppen überhaupt ist, aber dann hätten wir bestimmt die Abfahrt des Busses verpasst. So brachte uns Herr Makossa auch an diesem Tropentag wieder gut zurück in unsere Heimatstadt.

Organisation: Jürgen Stamm

 

 

Gerhard Moch (Schriftführer)