VTI-Fahrt nach Essen

Besichtigung Fernwärme Kohle-Heizwerk + Fernwärme Öl-Heizwerk

inkl. Messwarte des Fernwärme-Heiz-Systems der STEAG

sowie Besuch der Zeche Zollverein

Am Mittwoch, den 12. September 2012, als alle 40 Teilnehmer an der Klingenhalle in den Reisebus der Firma Meinhardt aus Wuppertal eingestiegen waren, lenkte uns unser Mann am Steuer Herr Marek Richtung Essen. Herr Werner Wallbaum, ein ehemaliger Mitarbeiter der STEAG Fernwärme, der inzwischen in Wuppertal zugestiegen war und der uns den Besuch der STEAG-Heizwerke ermöglichte, erklärte uns schon während der Fahrt den geschichtlichen Werdegang des Unternehmens.

Die STEAG (Steinkohlen-Elektrizität AG) mit ihrer Zentrale in Essen ist Deutschlands fünftgrößter Stromerzeuger mit zehn Großkraftwerken hier im Lande und auch international tätig mit Kraftwerken in der Türkei, auf den Philippinen und in Kolumbien. Neben diesen Großkraftwerken mit einer elektrischen Gesamtleistung von etwa 10.000 Megawatt betreibt die STEAG GmbH viele kleinere Kraft-, Heizkraft- und Heizwerke, um Strom und Fernwärme zu erzeugen. Das Unternehmen setzte 2010 mit seinen etwa 4800 Mitarbeitern 2,8 Mrd. € um. Die STEAG Fernwärme GmbH versorgt ihre Kunden pro Jahr mit ca. 2,1 Mrd. KWh Wärmeenergie, die hauptsächlich mit der umweltschonenden Kraft-Wärme-Kopplung erzeugt wird. Aber auch reine Heizwerke, die also nur zur Erzeugung von Fernwärme dienen, betreibt die STEAG und zwei davon wollten wir uns im Rahmen dieser Exkursion ansehen.

Unser erstes Ziel war das Heizwerk in Essen-Rüttenscheid. Das nach städtebaulichen Gesichtspunkten gestaltete Bauwerk fügt sich mit seinem schlanken knapp 100 m hohen Schornstein harmonisch in seine dicht bewohnte Umgebung ein. Herr Dieter Schwarz begrüßte uns im Namen der STEAG, stellte uns das Heizwerk mit seiner Technik vor und erklärte uns den Einsatz der Fernwärme. Das 1979 in Betrieb gegangene Heizwerk arbeitet mit drei kohlebefeuerten Wanderrostkesseln sowie einem Gaskessel für die Spitzenlast und verfügt über eine Leistung von 1500 MW. Unter einem Druck von 10 bar wird Heißwasser mit 180ºC erzeugt und damit hauptsächlich die Kliniken der Essener Universität und die Kruppschen Krankenanstalten über einen geschlossenen Kreislauf und mit Hilfe von Wärmetauschern mit Wärme versorgt. Dafür werden im Jahr 10-15000 Tonnen Steinkohle benötigt, die aus Polen und Kolumbien kommt und per Schiff und anschließend per LKW angeliefert wird.

Mit knitterfreien Kopfbedeckungen versehen ging es dann zur Besichtigung – durch die Auftauhalle vorbei an der Station, wo die auf LKW´s ankommende Kohle entladen wird. Über viele Stufen stiegen wir dann hinauf, wo die Heizkessel mit der nach oben geförderten Kohle beschickt werden. Durch Schauluken konnten wir beobachten, wie die auf dem Wanderrost unter optimalen Bedingungen verbrennende Kohle in Energie umgewandelt wird. Nach dem Heizkessel werden die hochsteigenden Abgase über einen Elektrofilter entstaubt und nach weiterer Reinigung durch den Schornstein abgeleitet. Wieder zurück am Ausgangspunkt erklärte man uns die beiden Wärmetauscher in der Übergabestation, in der die erzeugte Wärme auf die Betriebsverhältnisse des örtlichen Versorgungsnetzes umgesetzt wird, und auch die Umwälzpumpen, die für den Transport der Wärme im Kreislauf zuständig sind.

Am Schluss der Führung bedankten wir uns bei Herrn Schwarz und bei unseren Guides, dass sie uns diesen informativen und detaillierten Einblick in das Thema Fernwärme ermöglicht haben. Um das alles noch weiter zu vertiefen, fuhren wir zum Heizwerk Essen-Nord, einem mit Öl befeuerten Fernheizwerk, das 1977 in Betrieb genommen wurde. Herr Rüschhoff begrüßte uns und zeigte uns in einem interessanten Vortrag die Problematik der Fernwärmenetze auf. Durch die vom Bergbau verursachten Geländeabsenkungen sind aufwändige Maßnahmen erforderlich, damit keine der Rohrleitungen bricht. Mit einer Netzlänge von 575 km versorgt die STEAG Fernwärme GmbH immerhin 17 – 18% aller Haushalte im Ruhrgebiet und ist somit das größte Fernwärmeunternehmen in Nordrhein-Westfalen. Die Leitwarte für diesen Fernwärme-Verbund ist ebenfalls im Betriebsgebäude Essen-Nord untergebracht, ein rechnergestütztes System zur Steuerung und Kontrolle des Gesamtbetriebs. Anschließend besichtigten wir die Technik mit den drei ölbefeuerten Kesseln, der Abgasreinigung, den Umwälzpumpen und den weiteren Aggregaten.

Nachdem wir uns von Herrn Rüschhoff verabschiedet hatten, führte uns Herr Wallbaum zur im Nachbargebäude untergebrachten WSG Wärmezähler-Service GmbH, wo uns Herr Markowitz in Empfang nahm und uns vorab schon einen Einblick gab in die Aufgaben und Tätigkeiten dieser Tochtergesellschaft der STEAG Fernwärme, die ein herstellerunabhängiges Dienstleistungsunternehmen ist. Sie betreut über 50.000 Fernwärme-Zähler aller Größen von vielen Kunden. Herr Markowitz führte uns anschließend durch die Werkstätten, Labors und Lager, in denen die gebrauchten Messgeräte zerlegt, aufgearbeitet, montiert, geeicht und anschließend für die Kunden wieder parat gehalten werden. Jetzt war´s aber auch genug an Informationen und Eindrücken – wir dankten Herrn Markowitz für die Zeit, die er sich für uns genommen hat und für die Erkenntnisse, die wir mitnehmen durften und verabschiedeten uns.

Danken möchten wir aber auch Herrn Wallbaum für den Aufwand und die Mühen, die notwendig waren, um uns diesen umfangreichen Firmenbesuch zu ermöglichen, aber auch Herrn Dr. Kitte, dem Geschäftsführer der STEAG Fernwärme GmbH und Herrn Dr. Fröhlich, dem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit, die beide dazu ihr o.k. gegeben haben.

Durstig und hungrig brachte uns Herr Marek zur Zeche Zollverein. Wir waren im Restaurant „Die Kokerei“ angemeldet, das eingebettet in die Räume der ehemaligen Mischanlage einen rustikalen Rahmen für unser Mittagessen bot. Im Erdgeschoss ging der Blick hinaus zum langen Wasserbecken vor der scheinbar endlosen Batterie der Koksöfen, auch „Canale Grande“ genannt. Im Obergeschoß, wo wir saßen, schauten wir durch eine Glaswand in die spektakuläre Trichterhalle.

Nachdem wir Leib und Seele mit Speis´ und Trank wieder in Einklang gebracht hatten, ging es los zur Führung „Durch Koksofen und Meistergang“. Ein Lift brachte uns zuerst hinauf zum höchsten Punkt der Besichtigungstour, dem Dach der Kohlenmischanlage, einer wunderbaren Aussichtsplattform, von der aus wir einen dramatischen Wolkenhimmel über dem Ruhrgebiet bewunderten, aber auch einen Überblick über die gesamte Zeche Zollverein mit der „schwarzen Seite“ und der „weißen Seite“ gewinnen konnten und dem weiten Blick über Essen und die benachbarten Städte sowie die Industrieanlagen, bestens erklärt von unserem Guide.

Nebenan hier oben enden die beiden langen Bandbrücken, auf denen damals auf der einen Seite die Kohle aus den eigenen Schächten ankam, auf der anderen Seite die hauptsächlich aus Polen und Kolumbien angelieferte Kohle, zusammen täglich etwa 10.000 Tonnen beste Steinkohle unterschiedlicher Qualitäten, die auf 12 Kohlebunker verteilt wurden. In der Mischanlage vermengte man dann die Kohle zu einem optimalen Gemisch für die Verkokung. Über Förderbänder zu Bunkern und durch Trichter nahm die Kohle von der obersten Etage aus ihren Weg über 5 Ebenen hinunter zu den Koksöfen. Begleitet von Erklärungen unseres Führers ging es entlang des Kohlewegs und durch die riesigen Kohlebunker, in denen wunderbare künstlerische Lichtinstallationen zu sehen waren, hinunter durch die Trichter hinaus dorthin, wo die Förderbänder die Mischung Richtung Koksöfen transportierten. Auf dem Weg zu den Öfen zweigten wir in den unterirdischen Rauchgaskanal ab, der im Fuße des 100 m hohen Schornsteins endet. Beim Blick nach oben durch das Schornsteininnere zur hellen runden Scheibe des Himmels schätzte man die Höhe des Bauwerks maximal auf die Hälfte.

Dann ging es hinüber zur Koksofenbatterie – 304 davon stehen auf über 600 Metern auf der Reihe. Sie konnten pro Tag 10.500 Tonnen Kokskohle (Fettkohle) in 8.000 Tonnen Koks verwandeln. Ein einzelner Ofen wurde von oben mit 28 t Kohle beschickt. Bei 1350ºC und unter Luftabschluss wurde sie dann unter Entzug der flüchtigen Bestandteile wie Gas, Teer, Ammoniak, Schwefelwasserstoff und Rohbenzol in Koks umgewandelt – 22 t Koks blieben bei einer Füllung übrig. Die flüchtigen Stoffe wurden zur „weißen Seite“ weitergeleitet und dort verarbeitet. Der glühende Koks wurde mit einer riesigen Druckmaschine nach hinten zur „schwarzen Seite“ aus dem Ofen in einen Wagen ausgeschoben und dann mit viel Wasser abgelöscht. Der Koks als das Hauptprodukt wurde für die Eisen- und Stahlerzeugung verwendet.

Damit war unser Rundgang durch die Kokerei beendet. 1986 wurde die Zeche geschlossen. Die Kokerei, die wegen der Stahlkrise in den 1990er Jahren und der damit gefallenen Nachfrage nach Koks stillgelegt wurde, schloss am 30. Juni 1993 ihre Tore.. Im August 2002 wurden Zeche und Kokerei Zollverein in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Die beeindruckende Anlage war einmal die größte Zentralkokerei Europas und gilt als die schönste Zeche der Welt und ist eines der imposantesten Industriedenkmale des Ruhrgebiets. Unser Guide war ein ehemaliger Mitarbeiter dieses Vorzeigeunternehmens und seinen Worten entnimmt man noch heute, dass er gerne „auf Zollverein“ gearbeitet hat. Wir dankten ihm für all die Informationen und Eindrücke, die wir mitgenommen haben.

Zurück im Café & Restaurant „Die Kokerei“ konnten wir nach langen Wegen und vielen Stufen bei Kaffe und Kuchen alles Gehörte und Gesehene noch einmal Revue passieren lassen. Dann wartete Herr Marek mit dem Bus auf uns, um uns wieder heimzubringen. An der Klingenhalle angekommen verabschiedeten wir uns von Herrn Wallbaum und von Herrn Marek, dem wir für die gute Leistung am Steuer dankten.

Bedanken möchten wir uns nicht zuletzt bei Herrn Stamm, der die Fahrt gut organisiert hat. Sein privater Kontakt zu Herrn Wallbaum hat uns sicherlich die Türen zur STEAG geöffnet.

 

Gerhard Moch (Schriftführer)